Weibliche Genitalverstümmelung: Digitale Gegenwehr
Erschienen am 2. Juni 2022 in der taz.
Auszug
Es gibt da eine Sache, die die 34-jährige App-Entwicklerin Priya Goswami nicht versteht: „Wieso“, fragt sie, „haben wir inzwischen so fantastische Dinge wie selbstfahrende Autos – aber kaum technologische Innovation gegen geschlechtsspezifische Gewalt?“ Denn der Bedarf wäre ja da: Jede dritte Frau erlebt im Verlauf ihres Lebens eine Form von physischer oder sexualisierter Gewalt, und die Dunkelziffer ist noch einmal größer. Durch die Coronakrise hat sich die Lage noch einmal verschlimmert, UN Women spricht von einer „Schattenpandemie“. Kaum ein Techgigant versucht momentan dieser Pandemie mit Innovation entgegenzutreten. Und auch in der Forschung zu künstlicher Intelligenz, zu Robotik oder Big Data spielt das Thema eher eine untergeordnete Rolle.
Goswami, eine Frau aus Delhi, die heute in Hongkong lebt, ist eine Techvisionärin, die das ändern will. Sie hat keinen Abschluss in Informatik und hat nicht an einer Eliteschmiede wie der Stanford University studiert. Ihr Unternehmen sitzt nicht auf Milliarden, wie Google oder Meta. Priya Goswamis Kapital sieht anders aus: Sie hat gelernt, was es heißt, in dieser Welt eine Frau zu sein. Und die Summe dieser Erfahrungen ist nicht nur entscheidend dafür, welche Technologien Goswami entwickelt, sondern auch, wie sie funktionieren. Ihr Ziel: „Mein Team und ich wollen Überlebende von Gewalt darin unterstützen, endlich Gehör zu finden.“

